Thema: Alexi und emphatisch - ist das möglich?

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Alexi und emphatisch - ist das möglich?
18.09.2026 von User22236C73

Ich (35 F) bin schon mehrmals in meinem Leben über das Konzept Alexithymie gestolpert. Nachdem mir mein Partner dieses nun aktuell auch näher gelegt hat, habe ich angefangen mich damit in Bezug auf mich selbst damit auseinander zu setzen. Das seltsame ist: ich habe nur Erfahrungen mit einer Hälfte, nämlich mit der Wahrnehmung und Beschreibung meiner eigenen Gefühle. Ich denke, ich bin nicht gefühlskalt, sondern „nur“ gefühlsblind nach innen. Bei anderen wahrzunehmen, wie es ihnen geht und emphatisch zu sein, fällt mir überhaupt nicht schwer. Ich werde dafür sogar regelmäßig gelobt und bin eine beliebte emotionale Ratgeberin im Freundeskreis. Dementsprechend ist auch mein Test ausgefallen. Ich habe 89 Punkte, die jedoch alle auf Kategorien entfallen, die mit meinem Innen-Leben zu tun haben.

Kann das sein? Geht es jemandem hier noch so? Ich bin ordentlich verwirrt :/

20.10.2026 von Snibbs

Hi User22236C73,
ordentlich verwirrt zu sein ist keine Schande, ich glaube, Verwirrung betrifft im Zusammenhang mit Alexithymie ALLE, besonders diejenigen, welche nicht dieses Persönlichkeitsmerkmal ihr eigen nennen „dürfen“. Insofern scheint deine Verwirrung nichts Ungewöhnliches zu sein, mir ging es jahrelang ebenso (m , 47J.) Besonders bevor ich von diesem Persönlichkeitsmerkmal (in der Fachliteratur wir dabei immer kryptisch vom „Konzept der Alexithymie“ gesprochen) selbst Kenntnis hatte. Das ist noch gar nicht so lange her, aber seit ich es kenne, ergeben plötzlich viele „Begegnungen der 3. Art“, an welchen ich in meinem Leben „teilnehmen“ durfte, einen Sinn bzw. ich kenne jetzt die Ursache. Soweit ich das Konzept der Alexithymie richtig verstanden habe, können alle Menschen auf einem emotional-empathischen Spektrum eingeordnet werden und wir Alexithymen sind nun mal auf der Glockenkurve ganz links (ca. 10%) außerhalb der „emotionalen Standardabweichung“, dann kommen die 80 % der Bevölkerung, welche mehr oder weniger emotional-empathisch soweit ausgereift sind, dass hier zwischenmenschliche Interaktionen (mehr oder weniger) regulär von statten gehen. Auf der rechten Seite, die letzten 10 % sind dann die Hypersensiblen (das Gegenteil von uns), die nehmen Emotionen auch wahr, wo oftmals gar keine sind und brechen beim winzigsten, einer Situation unangemessenen Tonfall (da muss nicht mal was Böses gesagt werden), zusammen. Ich nehme solche Leute immer als anstrengend wahr, solche Leute werden oft auch als Drama-Queen bezeichnet, selbst aus dem Lager der Gefühlsmenschen. Was ich damit sagen will, dass es also ein Spektrum gibt, wo jeder Einzelne emotional-empathisch eingeordnet werden könnte (ist am Ende alles nur ein Denkmodell, um es erklärbar zu machen). Die Grenze zwischen Alexithymen und den restlichen ca. 90% Gefühlsmenschen (80% Reguläre + 10% Hypos) ist dabei auch fließend und kein exakter Punkt auf der x-Achse. Und wenn wir jetzt nur die 10 % Alexithymen betrachten, dann gibt es auch innerhalb dieser Gruppe alle möglichen Varianten von Leicht bis Schwer und am Ende komplett gefühlslos (das wäre aber dann gar keine Alexithymie mehr). Diese 3 Merkmale (Extern-orientiertes Denken, Schwierigkeit/Unfähigkeit Gefühle wahrzunehmen, Schwierigkeit/Unfähigkeit Gefühle zu verbalisieren), welche per Test abgefragt und bewertet werden, sind ja bei jedem Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt. Am Ende kommt eine Zahl heraus, welche dann mit einer wissenschaftlich umstrittenen Kennzahl (Grenzwert) verglichen wird (aktuell ist es wohl 60 [?]), ab welcher man als alexithym, oder, wissenschaftlich richtig gesprochen, als Inhaber ausgeprägter alexithymer Merkmale gilt. Man muss also nicht in allen Merkmalen 100 Punkte haben, um statistisch zum erlauchten Kreis der Alexithymen zu gehören. Bei mir ist extern-orientiertes Denken super ausgeprägt und ich kann mich auch nicht erinnern, dass es mal nicht so gewesen wäre. Gefühle wahrnehmen ist bei mir eine etwas neblige Angelegenheit. Irgendwas fühle ich schon so den ganzen Tag, aber wenn ich versuche das zu identifizieren, dann ist das so etwas wie ein Einarmiger Bandit, wo ich am Hebel ziehe, dann klingelt es und dann kommen 3 gleiche Bilder oder eben auch nicht. Das hat also eher den Charakter von Glückspiel und ist kein sicher reproduzierbarer Prozess. Naja, und über Gefühle reden, das war noch nie mein Ding. Ich kann mir sehr schwer vorstellen, dass diese jemanden interessieren, mich interessieren die Gefühle anderer Menschen eigentlich auch nicht und daher habe ich seit jeher die Befürchtung, dass ich andere Menschen mit der Offenbarung von Gefühlen eher belästigen würde. Aber seit ich weiß, dass es da eine Welt gibt zu der ich offensichtlich keinen Zugang habe und dieser fehlende Zugang die Ursache für alle zwischenmenschlichen Verwerfungen zu sein scheint, hat sich mein Interesse dahingehend etwas erhöht. Und bei dir liegen die „empathisch-emotionalen Fähigkeiten“ bzw. „Mängel“ an anderer Stelle des Spektrums. Daher ist es auch kein Widerspruch, wenn man scheinbar einige Dinge draufhat und trotzdem einen Wert oberhalb des definierten „Grenzwertes“ hat und verschiedene Schwierigkeiten im zwischenmenschlichen Bereich feststellt (was bei dir ja nur mit deinen eigenen Gefühlen der Fall zu sein scheint). Aber Alexithymie ist keine Krankheit, die man heilen kann, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal wie Gier, Egoismus oder Narzissmus, nur das die negativen Implikationen etwas indirekter zu Geltung kommen und nicht so offensichtlich sind. Vielleicht konnte ich dir mit diesem Elaborat ein wenig Orientierung geben und deine Verwirrung etwas reduzieren, ob es dir hilft, deine eigenen Gefühle besser zu erkennen oder zu erfühlen, kann ich leider nicht beurteilen. Mit den Gefühlen anderer hast du ja wohl, wie du sagst, keine Probleme, diese zu erkennen. Das klingt tatsächlich ungewöhnlich, aber unmöglich ist nichts.

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